Das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS,ME)

Das chronische Fatigue Syndrom 2018-11-02T17:06:44+00:00

M it den folgenden Ausführungen, die auf langjährigen Erfahrungen mit einer großen Zahl von CFS-Patienten beruhen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die nach meiner Ansicht eigentliche Wurzel dieser Erkrankung richten. Damit möchte ich Ihnen helfen, sich nicht mehr als Opfer einer mysteriösen, nach wie vor nicht richtig verstandenen Erkrankung zu fühlen. Wer sich die Mühe macht, seine eigene Lebensgeschichte gründlich zu durchforsten und zu verstehen, hat die Chance, durch ein komplexes Paket notwendiger Maßnahmen seine Erkrankung weitgehend aus eigener Kraft zu überwinden und zu besiegen. Dies geschieht, wenn sie nicht mehr Opfer, sondern Gestalter ihrer Erkrankung sind.

Auslöser der Erkrankung 

  • Virale, bakterielle und parasitäre Infektionen ( 80 % der Fälle)
  • Physische Traumata, besonders im Bereich des Halses und Kopfes
  • Instabilitäten der HWS ( „Tanzender Dens axis“ )
  • Schwere psychische Traumatisierungen
  • Toxische Belastung mit diversen Umweltgiften und Chemikalien ( Insektizide, Pestizide, Lösemittel, Schwermetalle , Farbstoffe und Konservierungsmittel ) 

Zwei Fakten  müssen bei der Betrachtung dieser auslösenden Faktoren nachdenklich stimmen:

1.Die häufigste auslösende Virusinfektion ist die mit Ebstein-Barr-Viren. Die Verläufe sind protrahiert und können über Monate hinweg bestehen bleiben, mitunter gibt es so gar persistierende Ebstein-Barr-Virusinfektion. Wie ist eine solche Entwicklung möglich, wenn andererseits bei 98% der Bevölkerung Antikörper gegen Epstein-Barr-Viren nachgewiesen werden können, aber nur 0,3% der Bevölkerung die Erkrankung CFS entwickeln?

2.Wie kann es sein, dass schwere psychische Traumatisierungen wie z.B. Misshandlungen, Vergewaltigungen oder gar Kriegserfahrungen ein Chronisches Fatigue – Syndrom auslösen können, dass die breite Symptomenskala dieser Erkrankung mit sich bringt. Wo liegt also die Verknüpfung zwischen schweren psychischen Belastungen oder Traumatisierungen und der Entwicklung von neurologischen, immunologischen, endokrinen, muskulären und gastrointestinalen Symptomen. Wieso haben 175.000 US-Soldaten aus den Kriegen in Afghanistan, Kuwait und Irak ein schweres „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ entwickelt, das in seiner klinischen Symptomatik mit CFS nahezu identisch ist ?

Wie erklärt sich also die unterschiedliche Reaktionsweise auf einen Virusinfekt oder auf eine schwere psychische Traumatisierung ? Denn nicht jeder Kriegsteilnehmer entwickelt ein schweres CFS oder auch Posttraumatisches Belastungssyndrom.

Die Bedeutung der Krankenvorgeschichte

Entscheidende Fortschritte im Verständnis von CFS und seiner Genese erzielt man, wenn man mit dem Patienten eine äußerst ausführliche Anamnese erstellt, die schon mit der Schwangerschaft der Mutter der Betroffenen beginnen sollte. Hier finden sich nämlich in nahezu 100% der Fälle Faktoren, die Auslöser für eine Veränderung der Stressreaktion der Betroffenen sein können. Seitens der Hirnforschung wissen wir nämlich, dass eine stark belastete Schwangere mit Ihrer Stressreaktion nicht nur die Struktur, sondern auch die Reaktionsweise des Gehirns ihres Babys langfristig verändert. Das gleiche gilt für traumatische Erfahrungen während der gesamten Kindheit, seien es nun plötzliche Krankenhausaufenthalte ohne Begleitung eines Elternteils, Operationen, körperliche Gewalt durch ein Elternteil, schwere Beziehungskonflikte der Eltern, ein Erziehungsstil der mit Angst und Erpressung arbeitet und vieles mehr.

In dem von Prof. Dr. Peter Berg bereits 1999 herausgegebenen Buch „Chronisches Müdigkeitssyndrom und Fibromyalgiesyndrom“ wird auf Seite 81 wie folgt zitiert: „Bei allen Patienten mit der auswärtigen Diagnose CFS fanden wir brüchige Familienverhältnisse, die eine Störung der Autonomieentwicklung sowie ein Fehlen innerer, in Krisen Orientierung vermittelnder Bilder zur Folge hatten.“ Die aktuelle Stressforschung, aber auch die Epigenetische Forschung haben aufgezeigt, dass derartige Erfahrungen die Stressreaktion der Betroffenen langfristig und genetisch fixiert so verändern können, dass diese fortan weniger belastbar sind und wesentlich intensivere Stressreaktionen aufzeigen, als mental und emotional ausgeglichenere, nicht traumatisierte  Vergleichspersonen.

Dabei konnten im Tierversuch nach willkürlich  erzeugten traumatischen Erfahrungen ( Kleinen Rattenjungen wurde die Mutter über 12 Stunden entzogen)  Veränderungen in der DNA (Methylierungen bestimmter DNA Abschnitte, z.B am Glucocorticoidrezeptor ) nachgewiesen werden, die diese erhöhte Stresssensitivität erklärten und das unterschiedliche Verhalten der so traumatisierten Tiere nachvollziehen ließen. Interessanterweise konnte das Verhaltensmuster der traumatisierten Tiere durch Einwirkung biochemischer Stoffe, die die Methylierung aufgehoben haben, völlig beseitigt werden! Gleichzeitig sollte es uns nachdenklich machen, dass derartige epigenetische Veränderungen über mindestens 6 Generationen an Kinder, Enkel und Urenkel weiter vererbt werden.

ist aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeitsstruktur, Biografie und Genetik höchst individueller Natur und darum so schwer einzustufen. Sie besteht aus einer Mixtur von :

  • neurologischen
  • hormonellen
  • immunologischen
  • metabolischen
  • muskulären und gelenkspezifischen
  • mentalen und emotionalen
  • psychischen
  • entzündlichen
  • allergischen
  • autoimmun bedingten
  • gastrointestinalen
  • mitochondrialen
  • üblicherweise schwer einzustufenden und darum nicht verstandenen Symptomen.

Das zervikoenzephale Syndrom, Folge eines HWS-Schleudertraumas oder auch einer früheren Kopfverletzung, fällt insofern auf dem Rahmen, als es nicht, wie sonst üblich, mit einer chronischen Stressbelastung verbunden sein muss.

Extreme körperliche und mentale Belastungseinschränkung, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme, Wortfindungsstörungen, Gereiztheit und Unausgeglichenheit, Einschlaf-und Durchschlafstörungen, unzureichende Erholung, belastungsabhängige Intensivierung, Infektanfälligkeit, Gefühl des Fröstelns oder des leichten Fiebers, Muskel- und Gelenkbeschwerden, erhöhte Schmerzempfindlichkeit und gestörte Schmerzverarbeitung, Lichtempfindlichkeit, Kreislaufschwäche, hoher Puls, völlig fehlende Energiereserven, resignative und mitunter depressive Stimmungszustände, Heißhungerattacken, die auch nächtlich auftreten können, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schwindel, Tinnitus, Sehstörungen (besonders bei instabiler HWS), Gewichtszunahme, atypische Kopfschmerzen, Migränesyndrom, Menstruationsstörungen, Libidoverlust etc.

Mitunter Stressbelastungen der Mutter schon während der Schwangerschaft, frühkindliche Traumatisierungen (Krankenhausaufenthalte, Operationen), körperliche und emotionale Gewalt seitens des Umfeldes, lieblose Familienatmosphäre, hohe Infektanfälligkeit, körperliche Gewalt seitens der Eltern, Missbrauch, hohe Leistungsanforderungen, fehlende Geborgenheit, mangelndes Selbstvertrauen, unzureichende Ich-Ausprägung, übersteigerte Anpassung, Beziehungskonflikte, Angst und Panikzustände, Ess-störungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten etc.

Neben der Anamnese, die eine  80% tige Wertigkeit im Rahmen der Gesamtdiagnostik hat, sind folgende Untersuchungen zwingend erforderlich und hilfreich :

  • Körperliche Untersuchung
  • Ultraschalldiagnostik des Abdomens, der Schilddrüse, evtl. des Herzens, und der Halsschlagader. ( Bei der Diagnostik müssen andere organische Systemerkrankungen, die ebenfalls mit Müdigkeit einhergehen können, ausgeschlossen werden!)

 Technische Untersuchungen

  • EKG und Lungenfunktion
  • Spiroergometrie mit Laktat Stufenbelastungstest (spezifisches  Belastungs-EKG mit Laktatmessung)
  • HRV Kurztest mit RSA Test und Liegen/Stehen Test ( US des Autonomen Nervensystems)
  • 24 Stunden HRV-Test ( Langzeituntersuchung des Autonomen Nervensystems)
  • Stoffwechselmessung merkt der Ausatemluft (E-Scan)
  • Body Impedanzanalyse (BIA)
  • Quantitatives EEG mit Darstellung einer Brainmap

Labordiagnostik

Hier sind sehr komplexe Untersuchungen erforderlich, die weit über die Standard Labordiagnostik der Schulmedizin hinausgehen und die Untersuchung der mitochondrialen Funktion, des oxidativen oder nitrosativen  Stresses, der hormonellen Leistungsfähigkeit, der Nebennierenfunktion, des Kohlenhydratstoffwechsels, Fettstoffwechsels und Eiweißstoffwechsels, des Immunsystems, der proinflammatorischen Zytokine, der Hirnschranken Funktion, Untersuchungen zum Ausschluss einer Allergie, Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Autoimmunerkrankung, das Säure-Basenhaushalts der Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine, des Nachweis von Antikörpern gegen eine Vielzahl von verschiedenen Erregern und vieles mehr beinhalten.

Genetische Diagnostik

Genetische Variationen von antioxidativen Enzymen (SOD2, Glutathionperoxidase etc.) Phase I-und Phase II-Entgiftungsenzymen, stressrelevanten Genen ( COMT, Glukokortikoid-Rezeptor, etc.) gehören inzwischen zum diagnostischen Standard, da sie den Verlauf der Erkrankung und ihrer Ausprägung ganz erheblich mitbestimmen können.

Der AVEM-Test

Ein von der Universität Jena schon vor 20 Jahren entwickelter Fragebogen, der die Einstufung des Stress- oder Persönlichkeitstyps möglich macht, da der Umgang mit sich selbst und mit Stressbelastungen, der häufig zwanghafter Natur sein kann, ein wesentlicher , meist unbewusster Mitauslöser der Erkrankung ist. Die Kenntnis dieser spezifischen Verhaltens-und Empfindensmuster ist von außerordentlicher Bedeutung und kann auch wesentliches Ziel therapeutischer Intervention sein.

Toxikologische Diagnostik

DMSA- Test zum Ausschluss häufig vorzufindener Schwermetallbelastungen, Fettbiopsie zur Sicherung von toxischen Belastungen mit diversen Umweltgiften, Pestiziden, Insektiziden, DDT, Lösemitteln etc.

Therapeutische Erfolge ohne konsequente Mitarbeit des Patienten sind so gut wie nicht möglich. Der/die Betroffene muss ein tiefes Verständnis von den komplexen Zusammenhängen seiner spezifische Erkrankung entwickeln, um die notwendige Konsequenzen und die Motivation entwickeln zu können, die er auf dem Weg hin zur Heilung zwingend benötigt.

Die Therapie untergliedert sich entsprechend ihrer Gewichtung in folgende Schritte:

  1. Konsequente Stressreduktion durch:
  • Bewusste Änderung des Lebensrhythmus
  • Anpassung der Belastungen an das vorhandene Energieniveau
  • täglich praktizierte, atemzentrierte Achtsamkeits- Meditation
  • atemtherapeutische Übungen
  • Verwendung von Trance CDs zur Modulation zwanghaft destruktiver Verhaltensmuster.
  • Stilles Qi Gong, Tai-Chi und andere Entspannungstechniken
  • ständiger Wechsel zwischen kurzer Belastung und ebenso langen Entspannungsphasen.
  • Delegierung von Aufgaben, soweit möglich
  • Beendigung krankmachender Beziehungen oder Arbeitsverhältnisse
  • Therapeutische Unterstützung bei schwer zwanghaften, destruktiven Verhaltensmustern
  1. Höherdosierte Antioxidanzientherapie und Ausgleich in der Regel stets vorzufindenden Mangelzustände. Substanzen zur Reduktion der zerebralen Hyperaktivität und Verbesserung der Schlafqualität.
  1. Medikamente zur Verbesserung der gestörten mitochondrialen Funktion.
  1. Behandlung der Nebennierenfunktionsstörungen und evtl. anderer hormoneller Dysbalancen (Testosteronmangel, Östrogen Dominanz etc.)
  1. Behandlung des gestörten Säure-Basenhaushalts.
  1. Moderates körperliches Training, dem vorhandenen Energieniveaus stets angepasst!

      7.Bei Krisenzuständen und schweren Infekten Infusionstherapie, Immunmodulation, Sauerstofftherapie.

  1. Entgiftende Behandlungen (Schwermetalle, Umweltgifte) immer der genetischen Entgiftungs- Kapazität angepasst und mit größter Vorsicht durchzuführen!
  1. Umstellung der Ernährung (kohlenhydratarm, reich an gesunden Fetten und überwiegend pflanzlichen Proteinen, reich an Antioxidanzien, hoher Rohkostanteil, grüne Säfte, Kokosöl etc.). Berücksichtigung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Glutenintoleranz, Fructose-,Laktose- oder Sorbit- und eventueller Histamin-Intoleranz.
  1. Bei schweren Fällen längerfristige Krankschreibung, Unterbrechung des Schulbesuchs, der Arbeit und starke Reduktion haushaltlicher Pflichten.
  1. Konsequente Bewusstseinsarbeit und, wenn erforderlich, psychotherapeutische Unterstützung.
  1. Vorsichtige Altlastherapie bei instabiler HWS, isometrische Übungen, nächtliches Nackenband.
  1. Neurofeedbacktherapie

 Neurofeedback ist eine computergestützte Trainings- und Behandlungsmethode, mit der man die Charakteristik der eigenen Gehirnaktivität, die man üblicherweise ja nicht wahrnimmt, darstellt und durch bestimmte Übungen verändert. So kann z.B. die stressbedingt überhöhte Aktivität des Gehirns durch entsprechende Übungen im Verlaufe mehrerer Trainingssitzungen     so stark reduziert werden, dass stressbedingte Symptome wie Schlafstörungen oder depressive        Verstimmungen nicht nur deutlich gebessert, sondern auch völlig beseitigt werden können.   Dieser therapeutische Erfolg hat in der Regel bleibenden Charakter, da er auf der Fähigkeit des Gehirns, auf Wiederholungen mit strukturellen Veränderungen zu reagieren, beruh

Dies ist besonders dann hilfreich, wenn die eigentlichen Stressoren, die das Gehirn in diesen Zustand manövriert haben, unbekannter Natur sind. Eine solche Konstellation liegt bei etwa 70% jener Betroffenen vor, die unter chronischem Stress stehen.

Eine Harmonisierung pathologischer Gehirnaktivitäten kann so auch ohne eine Analyse der eigentlichen Hintergründe solcher Entwicklungen erreicht werden.

  1. Transkranielle Gleichstromstimulation

 Die transkranielle Gleichstromstimulation tDCS (Hirnstimulation) ist eine nicht-invasive, gut verträgliche Behandlungsmethode. Das Gehirn wird dabei durch zwei am Kopf angelegte Elektroden mit Gleichstrom gereizt. Dadurch kann die „Informationsverarbeitung“ im Gehirn entweder vereinfacht oder gehemmt werden und so gezielt neuronale Erregbarkeits- und Aktivitätsniveaus modifiziert werden. tDCS zeigt dort Wirkung, wo etablierte Therapien limitiert sind.

Schon 2016 konnte Professor Doktor Christoph Nissen, Neuro- Wissenschaftler an der von der Universität Freiburg nachweisen, dass die Tagesmüdigkeit bei einem Patienten mit CFS durch die Gleichstrom Stimulation deutlich reduziert werden konnte.

Diese Behandlungsmethode kann auch zu Hause durchgeführt werden.Sie ist vor allem für jene Patienten indiziert, die keine Möglichkeit zur Durchführung einer Neurofeedback Therapie haben. Die Methode ist auch dann hilfreich, wenn ein gleichzeitiges Fibromyalgie- oder  andersartiges Schmerzsyndrom  besteht, da hierdurch die Schmerzsymptomatik deutlich reduziert werden kann.

Prognose

Ist der einleitend beschriebene Zustand infolge jahrelanger, meist unbewusster chronischer Stressbelastung einmal eingetreten, bedarf es großer Geduld und therapeutischer Konsequenz, um die erschöpften Regulations- und Organ-Systeme nach und nach wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das Ausmaß zuvor schon erlittener, mitochondrialer Funktionsstörungen lässt sich vorab nicht hinreichend sicher bestimmen, weswegen langfristige prognostische Aussagen nicht möglich sind.

Die Erfahrung zeigt, dass hoch motivierte, zuversichtliche und konsequente Patienten, die alle Ihnen angebotenen therapeutischen Möglichkeiten nutzen, die höchste Erfolgsquote aufweisen. Von größter Bedeutung ist es, einen Zustand innerer Ausgeglichenheit und Gelassenheit zu erreichen, da dieser auf allen Funktions-Ebenen des Organismus ganz wesentliche Verbesserungen mit sich bringen kann.